"Der Märchenerzähler" von Antonia Michaelis



Anna wächst als Einzelkind wohlbehütet auf, ist eine gute Schülerin, macht Musik und hat Freunde, mit denen sie ihre Freizeit verbringt. Und dennoch lebt Anna häufig in ihrer eigenen Welt und fühlt sich, als wäre eine Blase um sie herum, die sie von allem abschirmt. Als sie Abel kennenlernt, gelingt es ihm durch seine Märchen zu Anna vorzudringen, denn er ist ein Märchenerzähler. Doch er ist nicht nur Märchenerzähler, sondern auch Einzelgänger, Drogendealer und alleine verantwortlich für seine kleine Schwester Micha. Deswegen nimmt Abels Märchen schon bald immer bedrohlichere Formen an und Anna fällt es immer schwerer, zwischen Realität und Märchen zu unterscheiden, bis sie sich schließlich fragen muss, ob dieses bedrohliche Märchen voller Kälte, Blut und Mord nicht schon längst zur Realität geworden ist…

So ganz sicher, was mich zwischen den Buchdeckeln des Märchenerzählers erwartet, war ich mir zu Beginn nicht, da ich die Geschichte einfach nicht wirklich einordnen konnte. An den Schreibstil der Autorin musste ich mich erst einmal gewöhnen. Sie schreibt sehr düster und atmosphärisch dicht. Häufig konnte ich die Kälte spüren und auch das Grauen ist mir auf eine merkwürdige Art und Weise sehr nahe gekommen. Obwohl der Satzbau eigentlich nicht schwer ist, musste ich viele Sätze mehrfach lesen, um ihre volle Bedeutung zu verstehen. Antonia Michaelis verwendet viele schöne Formulierungen.

Im Grunde wird die Geschichte zweigleisig erzählt. Zum einen ist da die Realität, zum anderen Abels Märchen, welches auf eine märchenhafte Art und Weise die Geschehnisse in der Realität wiederspiegelt. Anfangs hat mir das Märchen gut gefallen, doch irgendwann hat es angefangen mich zu nerven und ich hätte die Stellen am liebsten übersprungen, was ich nur nicht getan habe, weil ich keine wichtigen Hinweise verpassen wollte. Im Zusammenhang mit der Geschichte ergibt das Märchen einen Sinn, für sich alleine betrachtet gefällt es mir nicht so sehr.

Der erste Teil der Geschichte hat sich wirklich gut lesen gelassen, doch dann wurde es irgendwann arg zäh und langatmig. Auch die Handlungen der Protagonisten, besonders Annas Handlungen, kann ich anfangs gut nachempfinden, doch irgendwann wandelt sich das und sie wird für mich einfach nur noch unglaubwürdig und naiv. Zudem geschehen einige Dinge, die mich wirklich sehr wütend gemacht haben, so dass ich mehrfach überlegt habe, das Buch abzubrechen.

Ich kann diese Rezension nicht schreiben, ohne auf einige wichtige Stellen des Inhalts einzugehen. Wer diese Spoiler nicht lesen möchte, der möge bitte nach unten scrollen zum Punkt „Spoiler Ende“.

SPOILER ANFANG!
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Mir persönlich ist nicht begreiflich, wieso Anna Abel so hinterher gerannt ist. Er hat eine gewisse Anziehungskraft, welche von der Autorin auch gut dargestellt wird, so dass durchaus nachvollziehbar ist, wieso sie sich zu ihm hingezogen fühlt. Abel behandelt sie jedoch immer wieder recht mies, blockt sie ab und ignoriert sie.  Anna hingegen läuft ihm weiter hinterher und hat immer noch Hoffnung, dass es ihr gelingt, alles zum Guten zu wenden. Dann kommt es zu einer Szene, in der Abel Anna vergewaltigt. Spätestens hier hatte ich gehofft, dass Anna endlich aufwacht und begreift, was für eine Sorte Mensch Abel ist, doch dies ist nicht geschehen. Stattdessen motiviert sie sich mit Kalendersprüchen dazu, sich selbst zu verzeihen und läuft Abel weiterhin hinterher. Entschuldigt wird Abels Verhalten mit seiner schlechten Kindheit. Für so etwas fehlt mir jegliches Verständnis und ich finde in einer Geschichte, welche sich an Jugendliche richtet, sollte man den Lesern eine andere Botschaft mit auf den Weg geben, nämlich dass es alles andere als in Ordnung ist, vergewaltigt zu werden!  Es gibt noch weitere Punkte, die so dargestellt werden, als wären sie durchaus in Ordnung, obwohl sie dies nicht sind.
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SPOILER ENDE!

Und obwohl mich das alles wütend macht, finde ich es auch ein Stück weit interessant, weil sämtliche Protagonisten völlig anders handeln als man selbst es erwartet und sich damit weder in eine Schublade noch in das eigene Weltbild pressen lassen.  Und das ist wiederrum etwas, was ich sehr gerne mag, auch wenn die ausgewählte Thematik sehr bitter ist. Dadurch, dass die Protagonisten anders als erwartet handeln,  baut sich auch Spannung auf. Ich hatte zwar häufig einen Gedanken oder eine Ahnung, wie sich die Geschichte entwickeln könnte, lag dann aber doch immer wieder falsch, da ich mit dem dann tatsächlich geschehen ist, einfach nicht rechnen konnte (und wollte!).

Fazit: 

Ein Buch wie dieses habe ich bislang noch nie gelesen und es fällt mir schwer, es zu bewerten, weswegen ich hier nun bewusst auf eine Tapsen-Vergabe verzichte. 


Antonia Michaelis / Der Märchenerzähler / Oetinger / 2011 / Hardcover / 446 Seiten / ISBN 978-3789142895 / Preis 16,95 Euro / Infos zur Autorin [*] / Verlagsseite [*]

Kommentare:

  1. Ich im Gegensatz zu dir fand gerade das mit den Märchen toll, aber so ist es halt

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    1. Stimmt, die Geschmäcker sind halt unterschiedlich. Und das ist auch gut so.

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  2. Dieses Buch steht schon so lange ungelesen bei mir!! Ich glaub ich nehm es jetzt bald in Angriff. Deine Rezi hat die Neugierde wieder entfacht! :D
    Lg Jan

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    1. Das ist schön. Dann wünsche ich dir viel Spaß beim lesen :)

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  3. Viele fanden ja die Spoiler-Geschichte eher zweifelhaft. Mir selber ist das gar nicht so negativ aufgestoßen. Dass sie ihm so schnell verzeiht, ist leider glaube ich sehr realistisch. Ich stimme dir aber zu, dass für ein Jugendbuch vielleicht die Bewertung des ganzen (ich schreib jetzt mal mit Absicht kryptisch ^^) zu kurz kommt. Andererseits könnte genau das Fehlen einer negativen Bewertung und Annas so merkwürdige Reaktion (verzeihen, zurückkehren...) dem jugendlichen Leser auffallen und ihn zum Nachdenken bringen.

    Ich meine, ich habe 3,5 oder 4 (von 5 Sternen gegeben), ich war aber auch sehr hin und her gerissen.

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    1. Das stimmt, das kann natürlich sein, dass gerade das Fehlen dieser kritisierten Dinge, die Leser zum nachdenken bringt. Unter diesem Blickwinkel habe ich das noch gar nicht betrachtet.

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